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Versorgungslücke schließen


Die neue Reha-Gruppe für Menschen mit erworbener Hirnschädigung ist am 14. Februar im Neuzebachweg offiziell eröffnet worden. In den barrierefrei zu erreichenden Räumen im Haus Nummer 4 gibt es ein Novum für den Rhein-Lahn-Kreis und darüber hinaus. Dort werden Menschen mit erworbener Hirnschädigung auf ihrem Weg zur gesellschaftlichen Teilhabe gefördert und begleitet.

„Menschen mit erworbener Hirnschädigung sind eine Gruppe mit besonderen Bedarfen“, erläutert Bernd Feix, pädagogischer Vorstand der Stiftung Scheuern. Er hat 2009 das Dienstleistungsangebot INTEGRA mit ins Leben gerufen, das sich speziell an Menschen richtet, die eine Schädigung des Gehirns erlitten haben. Ursache können Schlaganfall, Tumor, Hirnhautentzündung, Schädel-Hirn-Trauma oder vieles mehr sein. Gemeinsam ist den Betroffenen, dass sie bis zu einem einschneidenden Erlebnis ein normales Leben mit beruflichem Werdegang, privaten Beziehungen und gesellschaftlichen Netzwerken führten. Das alles endet abrupt und sie müssen auf vielen Gebieten ganz neu anfangen: motorisch, sprachlich, die Gedächtnisleistung oder Konzentrationsfähigkeit betreffend.

Das Problem: Zunächst steht die medizinische Akutversorgung an, dann eine medizinisch-rehabilitative Phase. Und danach? Meistens leider nichts. Angehörige und Betroffene stehen im Regelfall allein da. Aufgrund des Pflegebedarfs bleibt oft nur ein Platz im Seniorenheim. Dort kann man den speziellen, über die Pflege hinaus gehenden Bedarfen von Menschen mit erworbener Hirnschädigung jedoch nicht gerecht werden. Hier schließt INTEGRA mit seinen Leistungen eine Lücke. Dazu gehören Wohnen, mobile Assistenzen, tagesstrukturierende Angebote sowie – wenn möglich - eine Eingliederung zurück in die Erwerbstätigkeit.

Im Nassauer Neuzebachweg gibt es nun eine Reha-Gruppe mit tagesstrukturierenden und therapeutischen Angeboten. Teamleitung Sonja Behnke und ihre Kolleg*innen sind begeistert von den neuen Räumen und den Möglichkeiten, die diese bieten: „Wir können mindestens 24 Menschen mit erworbener Hirnschädigung therapeutisch, auf dem Weg zurück ins Erwerbsleben und auch ganz lebenspraktisch begleiten“, sagt sie. „Wir bieten im Netzwerk mit Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden oder auch tiergestützt unterschiedliche Therapiemöglichkeiten an. Hinzu kommen gemeinschaftliche Erlebnisse. Die Betroffenen und ihre Familien sind nicht allein; es gibt Gesellschaft und Perspektiven für sie.“

Um dieses Ziel zu erreichen, haben sich Sonja Behnke als pädagogische Projektleitung, Architektin Heike Freund als bauliche Projektleiterin und die beteiligten Firmen in der Bauphase mächtig ins Zeug gelegt. Bei der Raumplanung haben sie Therapie, Beschäftigung und Rückkehr ins Arbeitsleben, Gemeinschaftsräume, Essen und Aufenthalt, Ruhezonen und barrierefreie Zugänge – auch zum Garten – mitbedacht. „Es war uns wichtig, den ‚guten Geist‘ des Hauses mit seiner christlich geprägten Vergangenheit unter den Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel hier weiterhin wehen zu lassen,“ resümiert Sonja Behnke, die das Haus als Nassauerin von Kindesbeinen an kennt. Sie freut sich, dass es nun ein Reha-Angebot für Menschen mit erworbener Hirnschädigung dort gibt.

Die Mühe hat sich gelohnt, wie viele geladene Gäste bei der offiziellen Eröffnung feststellen konnten. Die offenen, hellen, einladenden und dennoch zweckmäßigen Räume erfüllen im Gemeinschafts- wie im Reha-Trakt alle Erwartungen. Die Besucher stellten beim Rundgang fest: „Hier ist nichts dem Zufall überlassen worden.“

Auch finanziell ist der Umbau der Räumlichkeiten mit 630.000 Euro voll im Rahmen geblieben. Neben der Eigenfinanzierung durch die Stiftung Scheuern wurde das Vorhaben durch Spenden und durch Fördermittel der Stiftung Wohnhilfe und der Aktion Mensch gedeckt. Eine etwas einseitige Angelegenheit, wie Bernd Feix bemerkte. Angesichts der bereits 2009 ratifizierten UN-Behindertenrechtskonvention und des Bundesteilhabegesetzes von 2016 vermisse er den politischen Willen, die gesetzlichen Ansprüche, die Betroffene haben, auch finanziell so auszustatten, dass sie erfüllbar seien. „Recht haben und Recht bekommen sind leider nicht das gleiche,“ stellte der Pädagogische Vorstand auf dem Hintergrund jüngster Diskussionen um die Finanzierung von Einrichtungen der Eingliederungshilfe fest. Umso mehr freue es ihn, wenn sich trotz aller Widerstände ein Angebot wie die INTEGRA-Reha-Gruppe im Nassauer Neuzebachweg verwirklichen lasse, denn: „Der Bedarf an spezialisierten Angeboten in der Zeit nach der medizinischen Versorgung und der ersten Reha-Phase ist immens. Die Zahlen der Versorgungsämter zeigen, dass es ähnlich viele Betroffene gibt wie beispielsweise Menschen mit psychischer Erkrankung.“