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Vortrag über die Rolle Scheuerns bei den "Euthanasie"-Verbrechen bewegt Gäste der Gedenkveranstaltung


Die Schilderungen von Lisa Caspari (Gedenkstätte Hadamar) über die "Zwischenanstalt" Scheuern in den Jahren der NS-Herrschaft hinterließen einen tiefen Eindruck bei den Besuchern einer Gedenkveranstaltung.

Ein düsterer Start ins Jubiläumsjahr, das man doch eigentlich vor allem als Anlass zur Freude sehen sollte? Vielleicht. Aber, das wurde bei der Auftaktveranstaltung zu den 175-Jahre-Feierlichkeiten der Stiftung Scheuern sehr deutlich, eine Würdigung der Vergangenheit kann nur dann authentisch sein, wenn man dabei auch das Bedrückende und Beklemmende nicht ausspart. Oder wie Pfarrer Gerd Biesgen, theologischer Vorstand der Stiftung Scheuern, es in seinen Begrüßungsworten formulierte: „Das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte hat auch in der Geschichte der Stiftung Scheuern seine Spuren hinterlassen.“ Rund 1500 Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung wurden in der Zeit des Nationalsozialismus von Scheuern aus in den Tod geschickt – ihrer gleich zu Beginn des Jubiläumsjahrs und im Umfeld des Tags des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus mit einem Fachvortrag und einer Ausstellung zu gedenken, war der Stiftung Scheuern ein großes Anliegen.  

Umso mehr, als dieses Gedenken gesamtgesellschaftlich gesehen offenbar zunehmend ins Hintertreffen gerät: Noch am Tag der Veranstaltung habe er in der Zeitung gelesen, dass jeder zehnte Erwachsene nichts mit dem Begriff „Holocaust“ anzufangen wisse, berichtete Biesgen: „Gegen diese Entwicklung wenden wir uns in der Stiftung unter anderem, indem wir alle neuen Mitarbeitenden an unserem Mahnmal über die damaligen Geschehnisse informieren.“ Gleichwohl gehöre zu einer ehrlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Ausgewogenheit, fügte er hinzu: „Schützen wir uns vor Verklärung ebenso wie vor Besserwisserei. Es gilt zu differenzieren statt zu relativieren, zu würdigen statt zu werten.“

Eine Aussage, die sich auch auf den Veranstaltungsort bezog: „Ich bin kritisch gefragt worden, ob das Günter-Leifheit-Kulturhaus zu einem Gedenken an die Opfer der Euthanasie passt“, sagte er mit Blick auf die vor einigen Monaten bekannt gewordene Mitgliedschaft des Mäzens und Nassauer Ehrenbürgers Günter Leifheit in der Waffen-SS. „Als in Nassau ansässige Einrichtung nutzen wir das Günter-Leifheit-Kulturhaus als für uns geeigneten Veranstaltungsort – nicht mehr und auch nicht weniger. Günter Leifheits Tun zu bewerten, steht auf einem anderen Blatt. Die Grundlage dafür wird die wissenschaftliche Studie liefern, die die Stadt Nassau in Auftrag gegeben hat.“

Er finde es genau richtig, diesen Veranstaltungsort zu wählen, um hier gemeinsam zu reflektieren und zu diskutieren, erwiderte der Nassauer Stadtbürgermeister Manuel Liguori, der die Schirmherrschaft über die Gedenkveranstaltung übernommen hat. Zugleich gelte es, Verantwortung dafür zu übernehmen, dass Ähnliches nie wieder geschieht, appellierte er: „Setzen wir gemeinsam ein Zeichen gegen das Vergessen und für die Würde jedes einzelnen Menschen.“

Mit Spannung erwartet: der Fachvortrag von Lisa Caspari, die sich als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gedenkstätte Hadamar sehr intensiv mit dem Thema „Euthanasie in der NS-Zeit“ befasst. „Bereits kurz, nachdem die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen, wurden Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen konsequent aus der Gesellschaft ausgeschlossen“, berichtete sie. Wie das noch im selben Jahr erlassene „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ zu unzähligen Zwangssterilisationen führte, an denen man sich auch in Scheuern beteiligte, wie die damalige Pflege- und Heilerziehungsanstalt dessen ungeachtet 1937 gleichgeschaltet und nach dem „Führerprinzip“ ausgerichtet wurde und spätestens ab dem Zeitpunkt, in dem die nationalsozialistischen Euthanasie-Verbrechen einsetzten, nur noch auf dem Papier eine Anstalt der Inneren Mission war – das alles schilderte Lisa Caspari ebenso wissenschaftlich faktenreich wie emotional berührend. „Im Grunde genommen wurde die Kernaufgabe der Einrichtung, die Sorge um und der Schutz von hilfsbedürftigen Menschen, nun nach und nach ausgehöhlt“, erläuterte sie. Schlimmer noch: Scheuern war in das heute als „Aktion T4“ bezeichnete und damals als „Gnadentod“ verbrämte Euthanasie-Massenmordprogramm der Nationalsozialisten involviert. „Anhand von Meldebögen entschieden ‚Gutachter‘, vielfach Psychiatrieprofessoren und Anstaltsleiter, über Leben und Tod. Wer nicht mehr arbeitsfähig war, keinen Kontakt zu seinen Angehörigen hatte und über einen langen Zeitraum in einer Anstalt lebte, hatte wenig Überlebenschancen“, schilderte die Referentin den perfiden Mechanismus, nach dem auch in Scheuern wehrlose Menschen selektiert wurden. Der erste Transport 1941 in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein, dem 30 Menschen zum Opfer fielen, vier weiterte Transporte im März und April desselben Jahres, jetzt in die Tötungsanstalt Hadamar, die in insgesamt 246 Morde an Scheuerner Pfleglingen mündete, und die Umfunktionierung zu einer Zwischenanstalt, aus der bis zum 23. Juli 400 weitere Menschen in den Tod geschickt wurden – all das spiegelte die menschenverachtende Ideologie der Täter wider.

Noch anschaulicher – und beklemmender – wurde Lisa Casparis mit Originalaufnahmen bebilderter Vortrag durch ihre mit Darstellung von Einzelschicksalen derjenigen Menschen, denen man damals das Recht auf Leben absprach. Wie eine Zwischenanstalt wie Scheuern einzig und allein dazu diente, die Angehörigen über Verlegungswege und Aufenthaltsorte im Dunkeln zu lassen, schilderte sie unter anderem am Beispiel von Richard Hartmann, der im April 1941 von der Landesheilanstalt Marburg nach Scheuern verlegt wurde: „Richards Familie erhielt einen ausgefüllten Vordruck, der sie über die angeblich kriegsnotwendige Verlegung informierte. In der von Scheuern ausgehenden Kommunikation sollte das Gefühl vermittelt werden, dass es sich um eine ganz normale Verlegung handelte.“ Knapp drei Wochen später wurde Richard Hartmann mit 82 weiteren Patienten in Hadamar in der Gaskammer umgebracht. Seine Familie erhielt am Tag seines Tods einen weiteren ausgefüllten Vordruck aus Scheuern, berichtete Lisa Caspari: „Erneut habe kriegsbedingt eine Verlegung in eine andere Anstalt stattgefunden. Deren Name sei nicht bekannt.“ Erst einen halben Monat später traf die Todesmeldung bei der Familie ein. Der Sohn sei an einer „aktivierten Lungentuberkulose und einem Blutsturz“ gestorben, hieß es.

Allen Lügen und Vertuschungsversuchen zum Trotz: In der Bevölkerung regten sich Proteste gegen die „Aktion T4“, die im August 1941 eingestellt wurde. Aber, so Lisa Caspari: „Letztendlich bedeutete das Ende der ‚Aktion T4‘ lediglich eine Einstellung des Gasmordes, aber keinesfalls ein Ende der nationalsozialistischen Euthanasie-Verbrechen. Bereits im darauffolgenden Jahr nahm der Bezirksverband Nassau die Tötungen in Hadamar – nun durch Medikamente, gezielte Vernachlässigung und Nahrungsentzug – wieder auf.“ Auch wenn Scheuern nicht direkt zu einem Tatort dieser „dezentralen Euthanasie“ und der „Kindereuthanasie“ geworden sei, habe die Anstalt in dieser Phase der Verbrechen erneut die Funktion einer Zwischenanstalt übernommen: „Zwischen 1943 und 1945 wurden noch einmal mindestens 850 Kinder, Jugendliche und Erwachsene in die Tötungsanstalt Hadamar und die ‚Kinderfachabteilung‘ in Idstein verlegt.“

Die Brüder Reinhold und Wilhelm Decker lebten allerdings schon seit 14 Jahren in der Heilerziehungs- und Pflegeanstalt. Mit Zitaten aus dem Schriftverkehr zwischen ihrer Mutter und dem damaligen Scheuerner Direktor Karl Todt beendete Lisa Caspari ihren hochinteressanten und gut besuchten Vortrag. „Sie zeigen die Gefühle und Ohnmacht der Angehörigen auf der einen Seite“, kommentierte sie. „Sie zeigen aber auch die Mithilfe der Anstalt bei der Verschleierung bis zuletzt. Eine Mithilfe, die oft bestimmt nicht gewollt war. Man hatte in Scheuern durchaus seit der ‚Aktion T4 immer wieder versucht, ‚Pfleglinge‘ auf verschiedene Weise zu schützen. Letzten Endes hatte man sich aber von einem menschenverachtenden System einspannen lassen und damit jahrelang zu einem reibungslosen Ablauf der Transporte in den Tod beigetragen.“

Die Biografien von Menschen wie Willi und Reinhold Decker führten vor Augen, wie eine Gesellschaft aussehe, die ausgrenzt, Menschen ihre Individualität abspricht und ihnen ihre Würde – und schließlich ihr Leben – nimmt, so Lisa Caspari: „In so einer Gesellschaft möchte ich nicht leben. Gerade deshalb ist es mir wichtig, diese Geschichten weiterzutragen. Deshalb ist es mir grundsätzlich wichtig, laut zu sein gegen Stimmen des Hasses und der Hetze. Gegen Stimmen, die eine Ausgrenzung von Menschen fordern, weil sie vermeintlich ‚anders‘ sind. Denn wir alle sind Gesellschaft, und wir alle sind damit in der Verantwortung, sie so zu gestalten, dass jeder Mensch in seiner Individualität und seiner Einzigartigkeit respektiert und geachtet wird.“ Kein Wunder, dass ein Zuhörer tags darauf sagte, dieser Vortrag habe ihm „sehr zugesetzt“.    

Dazu, dass es eine im besten Sinn des Wortes besondere Veranstaltung wurde, trug auch eine dreiköpfige Abordnung des Blasorchesters Lahn Sin(n)fonie Nassau bei. Michael vom Dorp (Trompete), Dorian Altfort (Tuba) und Manuel Mock (Posaune) brachten neben dem Klezmerlied „Hava Nagila“ auch eine von Michael vom Dorp speziell für diesen Anlass geschriebene Eigenkomposition zu Gehör. Und spielten nach dem Vortrag im Kulturkeller weiter oben vor dem Museumssaal weiter. Schön anzuhören war es allerdings nicht, was dort zu hören war – und sollte es auch gar nicht sein. Im Gegenteil: Mit ihrer wilden, schrillen, geradezu kakophonischen Improvisation spiegelten die drei Lahn Sin(n)foniker musikalisch die eben auch alles andere als schöne Thematik wider.  

Drinnen im Museumssaal ging derweil eine sehenswerte Ausstellung über die Geschichte der Stiftung Scheuern an den Start, die anhand zahlreicher Texte, Bilder und Dokumente die Entwicklung vom „Rettungshaus für verwahrloste Buben“ bis heute skizziert. Auch hier liegt ein Schwerpunkt auf dem Schicksal der Scheuerner Euthanasieopfer.

Die Ausstellung ist noch bis zum 14. Februar zu den Öffnungszeiten der Stadtbibliothek Nassau zu sehen. Diese sind montags und donnerstags von 10 bis 12.30 und 14 bis 18 Uhr, dienstags von 14 bis 18 Uhr und am ersten Samstag im Februar von 10 bis 12 Uhr.

Die Gedenkveranstaltung und der Vortrag “Transporte in den Tod” von Lisa Caspari ist vom Podcast HÖRlokal dokumentiert worden. Er steht auf allen üblichen Plattformen für Podcasts zur Verfügung (HÖRmahl 170: “Vergiss mich nicht und komm!") sowie auf der Internetseite von HÖRlokal zu hören unter https://t1p.de/9nfll

Lisa Caspari von der Gedenkstätte Hadamar schildert Schicksale von Menschen mit Beeinträchtungen, die in der NS-Zeit ermordet wurden. Sie waren in Scheuern zu Hause, ihr Leben endete in Hadamar.